Während eines Vortrages über unser vielfältiges Angebot zur Karriereförderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, fiel mir ein älterer Herr auf, der ganz unruhig war. Schließlich hielt es ihn nicht mehr auf seinem Stuhl und er rief: „Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie in jedem Fach alle wichtigen Leute kennen, die für die Karriere eines aufstrebenden Jungwissenschaftlers ausschlaggebend sind? Wenn mich als emeritierten Professor der Medizin jemand fragen würde, wie er die besten Aussichten hätte, ein renommierter Mediziner und Klinikleiter zu werden, würde ich ihn einfach zu Prof. B. nach Heidelberg schicken. Das ist alles, was er wissen muß.”

Für den größeren Teil der Studierenden ist der Beruf des Professors oder der Professorin von einem Mythos umgeben. Fraglich ist für sie, ob es sich überhaupt um einen Beruf oder vielmehr um eine „Berufung” handelt. Erfolg darin zu haben, scheint nicht planbar. Weitgehend unbekannt sind die Bedingungen des langen Ausbildungsweges. Das Risiko ist hoch, ungewiß das Ergebnis. Deshalb behalten diese Studierenden, wenn sie mit dem Berufswunsch „Professor/ Professorin an der Universität” liebäugeln, ihn oft für sich. Einige von ihnen haben dennoch Erfolg und erreichen ihr Ziel. Weshalb? Was unterscheidet sie von anderen?
Wenn im Umfeld keine Vorbilder vorhanden sind, kommt es bei einer wissenschaftlichen Karriere insbesondere darauf an, sich frühzeitig die richtigen Mentoren zu suchen und ein Beziehungsnetz aufzubauen. Fachliche Qualifikation im stillen Kämmerlein allein führt zu nichts.

Im Grundstudium wird es zunächst darum gehen, sich eine Überblick darüber zu verschaffen, ob die fachlichen Inhalte und die Methoden des Faches den eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten entsprechen. Außerdem müssen die persönlichen Arbeitstechniken und Zeiteinteilungen den Gegebenheiten des Studiums angepaßt werden. Dies ist auch der Zeitraum, wo Kontakte zu Gleichgesinnten geschlossen werden können. Die erste Belastungsprobe der neu gewonnen Zusammenarbeit kann sich bei den Prüfungsvorbereitungen in der Gruppe ergeben. Die Kommilitonen und Kommilitoninnen von heute sind spätere Informant(inn)en aber auch Mitbewerber(inn)en im Wissenschaftsbetrieb.
Die Prüfungen zum Abschluß des Grundstudiums bieten die beste Gelegenheit, sich bei potentiellen Mentoren bekannt zu machen. Nicht wenige Professoren suchen sich ihre studentischen Hilfskräfte während der mündlichen Prüfungen aus.

Wenn es gelingt, in dieser Situation positiv auf sich aufmerksam zu machen, besteht außerdem eine gute Möglichkeit, Gutachten zu bekommen, die zum Erhalt eines Stipendiums für das Hauptstudium notwendig sind. Gesellschaftliches, politisches oder soziales Engagement wird je nach der Ausrichtung der fördernden Stiftung neben den Studienleistungen in die Auswahl der Kandidaten mit einbezogen. Stipendien können während des Studiums durchaus förderlich sein, wenn weiterhin der enge Kontakt zum entsprechenden Institut oder Mentor gesucht wird.

Die beste Möglichkeit sich zu profilieren und erste Forschungserfahrungen zu sammeln, bietet sich aber während des Hauptstudiums bei einer Beschäftigung als studentische Hilfskraft im eigenen Fach. Die Konturen einer Diplom- oder Magisterarbeit werden nicht selten während dieser Phase sichtbar; die ersten Forschungsergebnisse können zusammen mit den wissenschaftlichen Mitarbeiter(inn)en und/oder dem Professor/der Professorin erarbeitet und z.B. auf Tagungen präsentiert werden. Wissenschaftliche Hilfskraft zu werden ist leicht, weil immer fachlich gute Studierende mit Methodenkompetenz und zusätzlichen Computer- und Sprachkenntnissen gesucht werden.

Wenn das Studium dann mit einer guten bis sehr guten Note abgeschlossen ist, haben ehemalige studentische Hilfskräfte einen Standortvorteil gegenüber unbekannten Mitbewerber(inn)en, wenn es darum geht, wissenschaftliche Mitarbeiterstellen zu besetzen, weil sie als Person und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit leichter eingeschätzt werden können und es wahrscheinlicher ist, daß auch die Promotion gelingen wird.

Trotz der möglicherweise größeren Arbeitsbelastung durch eine solche Stelle, ist sie aus Karrieregründen einem Stipendium in dieser Phase vorzuziehen, weil der enge Kontakt zum jeweiligen Institut und der Forschungslandschaft desto wichtiger wird, je weiter der wissenschaftliche Berufsweg fortschreitet. Insbesondere die Betreuung der Dissertation im gemeinsamen Forschungszusammenhang mit dem Mentor kann besser gelingen und eher zu einer Befürwortung von Habilitationsabsichten im Institut führen.

Ausschlaggebend für die Einschätzung eines Nachwuchswissenschaftlers oder einer Nachwuchswissenschaftlerin ist nämlich die Forschungstätigkeit. Große Genauigkeit, langer Atem und Bescheidenheit, was die Bedeutung der zu erreichenden Ergebnisse angeht, sind notwendig. Forschung setzt „Hardyness” voraus: Enorme Zähigkeit und Ausdauer, gepaart mit der festen Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein. Forschende müssen aber auch darauf gefaßt sein, einen völlig neuen Weg einschlagen zu müssen. Sie müssen den Mut haben, selbst klein erscheinende Teilergebnisse zu veröffentlichen. Sie müssen Kritik aushalten können, die dazu führen kann, daß ihre Forschungen immer wieder zu überarbeiten oder gar neu zu beginnen sind.

Und was ist mit der Lehre? Sie basiert auf der Vermittlung der Forschungsergebnisse. Didaktische Kenntnisse werden an einigen Universitäten nur durch eine Antrittsvorlesung nachgewiesen und sind bisher nicht karriererelevant.
Sehr wohl aber die Herkunft der Newcomer: Die wissenschaftliche Gemeinde registriert, aus welcher „Werkstatt” sie kommen und wie sie von welchen Mentoren gefördert werden. Dabei hängt fast alles davon ab, welches Ansehen ein Mentor selbst hat. Tagungen und Kongresse sind die wissenschaftlichen Bühnen, auf denen sich der Nachwuchswissenschaftler und die Nachwuchswissenschaftlerin bewähren müssen: Sie dürfen sich fachlich zielstrebig, persönlich aber nicht zu dynamisch präsentieren, sollten loyal gegenüber ihren jeweiligen Mentoren sein, aber das Gespräch mit anderen suchen.

In Deutschland erfolgt der Aufstieg des wissenschaftlichen Nachwuchses über zwei Stufen. Auf die Promotion folgt nach einigen Jahren die Habilitation, die in den meisten Fächern als eine wichtige Voraussetzung zur Berufbarkeit auf einen Lehrstuhl angesehen wird. Die Qualifikationsphase dauert ab Studienabschluß ca. 14 Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt, der im Durchschnitt dann bis ins fünfte Lebensjahrzehnt reicht, wird vom wissenschaftlichen Nachwuchs ein hohes Maß fachlich selbständiger Arbeit verlangt, während er jedoch persönlich abhängig von seinem Mentor und seiner Universität bleibt.

Die Qualifikationsphase erfolgt auf befristeten Stellen. Schwierig wird die Lage dann, wenn sich die frischgebackenen Privatdozent(inn)en nach der Habilitation an anderen Universitäten bewerben müssen, da Hausberufungen, d.h. Berufungen an der Universität, wo habilitiert wurde, die seltenen Ausnahmen sind. Wehe denjenigen, der sich nicht rechtzeitig über Wünsche und Bedingungen anderer Universitäten informiert haben, was ihre fachliche und persönliche Ausrichtung anbelangt. Tatsache ist, daß am Ende aller Bemühungen eine Berufung zum Professor stehen muß, die aber nur dann möglich ist, wenn ein entsprechender Lehrstuhl frei geworden ist und ausgeschrieben wurde.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen des Erfolges ist also eine äußere Bedingung, die durch das deutsche Universitätssystem gegeben ist: Professoren sind Beamte. Eine Stelle wird aber nur dann frei, wenn der Stelleninhaber ausscheidet. Nachwuchswissenschaftler/innen müssen deshalb ihr Fach und die personelle Besetzung darin genau im Auge behalten, um die Chancen realistisch einschätzen zu können. Hinzu kommt, daß um die freien Stellen viele Mitbewerber/innen konkurrieren. Dabei bewerben sich nicht nur andere Privatdozent(inn)en, sondern auch Professoren, die sich beruflich verbessern wollen. Der „Ruf” der einzelnen Bewerber/innen an der ausschreibenden Universität entscheidet dann über ihren „Ruf” zum Professor/zur Professorin. Nachwuchswissenschaftler/innen ergreifen also nicht einfach einen Beruf, sie wählen einen Lebensstil: Wissenschaft an der Universität: man muß sie lieben oder lassen!


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