Der Arbeitsmarkt für Wissenschaftler gewinnt seit einigen Jahren wieder an Bedeutung: An Hochschulen, Forschungsinstituten und vor allem in den Unternehmen steigt die Nachfrage nach Spezialisten für die Bereiche Forschung und Entwicklung. Eine Karriere ist jedoch schwer planbar.

Wer im Laufe seines Studiums Forschergeist in sich entdeckt, und daraus einen „richtigen” Beruf machen möchte, hat es nicht gerade einfach: „Einen typischen Arbeitsmarkt, wie er in anderen Bereichen der Berufswelt üblich ist, gibt es für das weite Feld der Wissenschaft nicht”, erklärt beispielsweise Dr. Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. „Die Abgrenzung der einzelnen Tätigkeitsbereiche ist außerordentlich schwierig, und die Entscheidung, wo man mit seiner wissenschaftlichen Leidenschaft am besten aufgehoben ist, an Hochschulen, außeruniversitären Forschungsinstituten oder in den Labors der Wirtschaftsunternehmen, ist eine Aufgabe, die bereits wissenschaftliche Akribie verlangt - eine erste Probe aufs Exempel also.”

In Deutschland sind derzeit etwa 460 000 Personen mit Forschung und Entwicklung betraut - in Hochschulen, in staatlichen und wirtschaftlichen Forschungsinstituten und in Unternehmen. Mit mehr als 280 000 Männern und Frauen arbeiten mehr als 60 Prozent des Forschungspersonals im Wirtschaftssektor. Eine erfreuliche Tendenz auf dem Beschäftigungsmarkt bemerkt Dr. Christoph Grenzmann, Geschäftsführer des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaftsstatistik: „Seit 1995 steigt das FuE-Personal wieder ganz allmählich an, mit einer leichten Zunahme von rund 0,6 Prozent pro Jahr. Von 1997 bis 1999 haben sich die FuE-Aufwendungen der Wirtschaft zudem um 15,8 Prozent erhöht, Tendenz steigend. ” Der Arbeitsteilung zwischen Hochschulforschung und Industrieforschung entsprechend ist FuE in Unternehmen stärker auf das konkrete Produkt hin orientiert: „Nur rund fünf Prozent entfallen hier auf die Grundlagenforschung, 95 Prozent hingegen auf angewandte Forschung und Entwicklung"”, erläutert Grenzmann. Erwartungsgemäß ist bei der Hochschulforschung die Grundlagenforschung deutlich stärker ausgeprägt.

Wo hat der wissenschaftliche Nachwuchs im Augenblick die besten Chancen? Mehr als die Hälfte der Jobangebote kamen 1999 aus der Wirtschaft, neun Prozent von Einrichtungen des Gesundheitswesen sowie Behörden und Verbänden, und über 40 Prozent von Hochschulen und Forschungsinstituten. Das ergab eine Analyse von Stellenangeboten aus rund 40 Zeitungen und Fachzeitschriften, die der Adecco/EMC-Medienservice Hamburg durchführte. Besonders hoch im Kurs stehen derzeit Hochschulabsolventen mit einem ingenieurwissenschaftlichen Studium. Knapp die Hälfte aller Offerten richten sich an sie. Die Nachfrage nach Akademikern der naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Medizin, Biologie, Pharmazie, Chemie und Physik hat 1999 gegenüber dem Vorjahr leicht nachgelassen; angezogen hat dagegen das Interesse an Informatikern und Mathematikern. Während die Industrie besonders stark nach Ingenieuren und Ingnieurinnen sucht, ist bei den Hochschulen die Konzentration auf Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen größer. Der überwiegende Teil der von Hochschulen angebotenen Positionen ist im wissenschaftlichen Mittelbau angesiedelt.

Uni-Forscher brauchen Geduld

Der Einstieg in eine wissenschaftliche Karriere beginnt für viele Jungakademiker nach wie vor mit einer Forschertätigkeit an einer Hochschule. Bis zu einer C4-Professur ist es allerdings ein harter und langer Weg, der erst spät Früchte trägt. „Es dauert durchschnittlich 14 nach dem ersten Studienabschluss, bis man sich um eine Stelle als Professor oder Professorin an einer Universität bewerben kann,” sagt Gunta Saul-Soprun. Die Diplom-Soziologin ist Gründerin der Karriereberatung Academic Consult und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Frankfurt am Main. Sie initiiert und leitete Vorbereitungsseminare, die Studierenden, die als Berufsziel die Universitätslaufbahn, also letztlich eine Professur anstreben, Hilfestellung bei der Planung des Berufswegs geben sollen.

Die Soziologin kennt die Spielregeln des Wissenschaftsbetriebes an den Hochschulen und begegnet bei ihren Seminarteilnehmern immer wieder großen Informationslücken über das Arbeitsfeld Uni. Der klassische Weg zu einer C4-Professur führt noch immer über die Habilitation: rund 75 Prozent der Professoren sind habilitiert. Doch der „Zwang”, sich zu habilitieren, steht zurzeit zur Diskussion und hängt außerdem stark vom Fachbereich ab: „Bei Ingenieuren zum Beispiel spielt sie kaum noch eine Rolle”, sagt Gunta Saul-Soprun.

Auf die Frage, wer für einen wissenschaftlichen Beruf geeignet sei, antwortet die Soziologin: „Leute mit großer Ausdauer, viel Motivation und mit Entscheidungsfreude. Sie müssen sich über Wochen und Monate, manchmal auch Jahre, mit Details beschäftigen können. Diese Genauigkeit darf aber nicht dazu führen, dass sie ihr Ziel aus dem Auge verlieren und die eigenen Ergebnisse nicht zum richtigen Zeitpunkt auf den Punkt bringen können.” Oft soll die Arbeit ja auch in ein Produkt münden. Ausschlaggebend für eine Karriere ist auch, wie gut sich jemand auf dem wissenschaftlichen Parkett bewegt. Forschungsergebnisse verbleiben ja nicht im Labor, sondern sollen eine breite (Forschungs-) öffentlichkeit erreiche, und dazu gehört es auch, sich und seine wissenschaftlichen Erfolge gut präsentieren zu können.

Die Tätigkeit eines Professors, einer Professorin besteht aus vier Bereichen: Forschung, Lehre, Verwaltung und Nebentätigkeiten wie zum Beispiele das Erstellen von Gutachten. Vor allem der Bereich Verwaltung werde häufig unterschätzt, sagt Gunta Saul-Soprun: „Der Zeitaufwand für die Mitarbeit in den Verwaltungsgremien der Hochschule, für das Beschaffen der notwendigen Forschungsgelder, aber auch für die Personalführung ist enorm. ”

Planung nach der Zwischenprüfung

Wer tatsächlich eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität einschlagen möchte, sollte die Weichen dafür spätestens nach der Zwischenprüfung stellen, und beispielsweise erste wissenschaftliche Erfahrungen als studentische Hilfskraft an einem Lehrstuhl sammeln. So ein Nebenjob vermittelt nicht nur notwendiges Handwerkszeug, sondern ist auch eine gute Gelegenheit, den wissenschaftlichen Betrieb „von innen” kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen.

Netzwerke aufzubauen ist angesichts der nicht sehr rosigen Stellenlage an den deutschen Hochschulen äußerst wichtig. Gunta Saul-Soprun: „Von den rund 22 000 Professorenstellen an Universitäten, die in der Regel mit Beamten auf Lebenszeit besetzt sind, werden Jahr für Jahr etwa 4,1 Prozent frei.” Ob jemand dann genommen wird, hängt nicht nur davon ab, ob er oder sie das passende Profil und schließlich auch die notwendige Reputation für die Vakanz mitbringt, sondern auch von gesellschafts- und hochschulpolitischen Faktoren.

Enge Karriereweg an Instituten

Zu den großen Arbeitgebern im Wissenschaftsbetrieb zählen auch die zahlreichen Wissenschaftsorganisationen. Die größte ist die Max Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Sie ist mit rund 80 Forschungsinstituten in Deutschland vor allem auf natur- und geisteswissenschaftlichem Gebiet tätig. Sie beschäftigt über 11 000 Personen und verfügt über einen Haushalt von zirka 2,3 Millionen Mark pro Jahr. Zu den Großen der Zunft gehört auch die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung mit 48 Instituten und Einrichtungen. Sie betreibt Forschung und Entwicklung auf natur- und ingenieurwissenschaftlichen Gebieten. Die Gesellschaft hat einen Etat von rund 1,3 Milliarden Mark und beschäftigt rund 9 000 Mitarbeiter.

Am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen sind in den zehn Abteilungen rund 260 Wissenschaftler beschäftigt. Der klassische Berufseinstieg läuft hier in der Regel über eine Doktorandenstellen, die auf zwei bis drei Jahre befristet ist. „Solche befristeten Verträge sind auch an anderen Instituten die Regel"”, erläutert Dr. Hans-Chrisoph Nothdurft vom Göttingen MPI.

Nach der Promotion folgt die sogenannte Postdoc-Phase, die meist auch die Zeit der Habilitation einleitet. Naben Stipendien gibt es dafür Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Häufig sind Postdocs während dieser Zeit, etwa zwei bis fünf Jahre selbstständig für einen ganz bestimmten Themenkomplex zuständig und entwickeln, in engem Kontakt zum jeweiligen Laborleiter am Institut, Konzepte und Ideen. Um sich als Wissenschaftlern einen Namen zu machen, ist es wichtig, während dieser Phase möglichst viele und in hochrangigen Publikationen über die eigene Forschungsarbeit zu veröffentlichen. Wie die weitere Karriere aussieht, ist höchst unterschiedlich. Grundsätzlich möglich ist ein Aufstieg zum Gruppenleiter, doch diese Stellen sind rar. Eine solche Karriere sei eigentlich nicht recht planbar, meint Hans-Christoph Nothdurft. „Es ist entscheidend, im richtigen Gebiet bei den richtigen Leuten mitzuarbeiten und vielen Kontakte zu pflegen.” Von begrenzten Karrierechancen spricht auch Dr. René Leicht, Soziologe am Institut für Mittelstandsforschung, das der Universität Mannheim angeschlossen ist. Er hat eine der wenigen festen Planstellen erhalten. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter leitet er eine kleine Abteilung, die sich mit der Strukturberichterstattung für Kleinbetriebe beschäftigt.

Engagement bis zur Selbstausbeutung

Wenn eine Stelle für wissenschaftliche Mitarbeiter ausgeschrieben wird, kann man sich schriftlich bewerben. Ausschlaggebend ist wie in anderen Bereichen auch: Eine überzeugende und vollständige Berwerbungsmappe, die einen guten ersten Eindruck vom Bewerber oder der Bewerberin vermittelt. Die richtigen Fachkenntnisse spielen eine große Rolle, sie müssen mit der anstehenden Forschungsaufgabe, für die wissenschaftliches Personal gesucht wird, so gut wie möglich übereinstimmen. „Besonders wichtig im Wissenschaftsbetrieb ist eine selbstständige Persönlichkeit"”, so Renč Leicht. Es gibt in den Instituten kein streng hierarchisches System mit Anweisungen. Wissenschaftliche Mitarbeiter realisieren eine Forschungsaufgabe von der Konzeption bis zur Operationalisierung möglichst selbstständig, wenn auch in Abstimmung mit den jeweiligen Projektleitern oder Professoren. Neben Teamfähigkeit zählt er zudem zu den wesentlichen Soft skills die Fähigkeit, gut organisieren zu können: „Sie müssen Ressourcen sinnvoll einsetzen, Finanzmittel akquirieren und den Personaleinsatz langfristig planen.” Und noch etwas sei Voraussetzung: Leidenschaft, die manchmal an Selbstausbeutung grenze. „Kaum jemand kommt mit der vorgegebene Arbeitszeit aus. Bis ein Projekt abgeschlossen ist, geht so manchen Feierabend drauf.” Der Lohn dafür sei das hohe Maß an Selbstbestimmung, das die meisten Wissenschafter und Wissenschaftlerinnen an ihrem Beruf besonders schätzten.

Abwanderung und in die Industrie

Immer mehr Nachwuchswissenschaftler bleiben dennoch nicht an den Hochschulen oder Instituten, sondern wandern in die Industrieforschung ab. Während traditionell vor allem große Unternehmen Mitarbeiter für die Forschung suchten, wachsen in letzter Zeit auch die _Chancen, im Mittelstand eine gute Position im Tätigkeitsfeld Forschung zu erhalten. Aktuelle Untersuchungen des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaftsstatistik zeigen, dass die FuE-Gesamtaufwendungen der kleinen und mittleren Unternehmen (mit unter 500 Beschäftigten) Zwischen 1995 und 1997 um 13,2 Prozent zugenommen haben. Damit lag ihr Aufwand über dem der Unternehmen, die mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen (+11,4 Prozent).

Ein klassischer Mittelständler ist das Unternehmen Hermal in Reinbek bei Hamburg, das seit Ende 1997 zur englischen Boots Healthcare International Gruppe gehört. Kernkompetenzen von Hermal sind dermatologische Hautpflege und Arzneimittel aus dem Dermatika-Bereich. In Deutschland gibt es rund 450 Mitarbeiter, berichtet Personaldirektor Volkmar Kleinschmidt. In der Forschungsabteilung sind rund 70 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschäftigt, darunter Chemiker, Chemieingenieure, Apotheker und Pharmazeuten. „Im Gegensatz zu vielen Großunternehmen konzentrieren wir uns au die reine Marktentwicklung von Produkten"”, berichtet Kleinschmidt. Grund dafür ist unter anderem die Philosophie des Reinbeker Unternehmens, keine Tierversuche durchzuführen; die seinen in der präklinischen Forschung jedoch unverzichtbar. So setzten die Aufgaben der Hermal-Wissenschaftler erst in der klinischen Forschung an, das heißt, wenn die präklinischen Forschungen abgeschlossen sind. Beispielsweise geht es darum, neue Zubereitungsformen für Cremes oder Gels zu finden und sie anwendungsfreundlicher für den Verbraucher zu gestalten und sie klinisch auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit zu prüfen.

Als Mittelständler rekrutiert Hermal das wissenschaftliche Personal nur selten direkt über die Hochschulen. Das Unternehmen bedient sich bei der Personalsuche der klassischen Wege über Stellenanzeigen in Fachzeitschriften und überregionale Zeitungen. „Wir suchen in der Hauptsache promovierte Spezialisten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung"”, berichtet Volkmar Kleinschmidt. Ein wichtiges Auswahlkriterium sind für ihn die „soft skills”. In den Bewerbungsgesprächen versucht er herauszufinden, wie es um die Kommunikationsfähigkeit der Jobanwärter steht, wie teamfähig sie sind, ob sie als potenzielle Führungskräfte die richtige Einstellung mitbringen und auch mit Aufgaben wie Kostenmanagement umgehen können. Teamfähigkeit ist auch dem internationalen Technologiekonzern Schott, die wichtigste überfachliche Fähigkeit. „Unsere Wissenschaftler arbeiten in Gruppen, die sich aus Spezialisten der unterschiedlichsten Fachgebiete zusammensetzten"”, erläutert Brigitta Gregor, die bei dem Hersteller von Spezialgläsern für das Personalmarketing zuständig ist. „Nur so können wir innovativ, und damit wettbewerbsfähig sein.” Außerdem mitbringen sollten junge Forscher: Eigeninitiative, eine zielorientierte, systematische Arbeitsweise und Kreativität. Bei Schott arbeiten weltweit 600 Wissenschaftler in der Forschung und Entwicklung. Mehr als 260 sind im Otto-Schott-Forschungszentrum beschäftigt. Die Anderen arbeiten in unterschiedlichsten Abteilungen, wie zum Beispiel der Fertigung. Dort entwickeln sie neue Herstellungsverfahren oder optimieren Produkte. Gefragt sind vor allem Physiker, Chemiker und Ingenieure der Fachrichtungen Verfahrenstechnik, Maschinenbau sowie Materialwissenschaften.

Absolventen steigen bei dem Mainzer Unternehmen als wissenschaftliche Mitarbeiter ein. Eine Promotion wird als Berufserfahrung gewertet. Die Karrierewege sind vielseitig. Typisch ist die übernahme von auftragsbezogenen Projektarbeiten mit konkreten Entwicklungszielen und Budgets. Karriere bedeutet aber nach wie vor auch, Führungsverantwortung zu übernehmen. „Viele Wissenschaftler wechseln auch nach einigen Jahren in die Fertigung, ins Marketing - oder zu einer ausländischen Tochter"”, berichtet Brigitta Gregor. Christoph Grenzmann schätzt die Karriereperspektive für Wissenschaftler in der freien Wirtschaft insgesamt gut ein: „Menschen mit Ideen und Organisationstalent, die auch nach einer Durststrecke des Misserfolgs nicht mutlos werden, eröffnen sich in den FuE-Abteilungen gute Karriere- und Aufstiegschancen.” Wer sich einmal für die Wirtschaft entschieden hat, bleibt dort in der Regel auch. „Die Chancen von der Wirtschaft in (Universitäts)institute zu wechseln, die ja vor allem Grundlagenforschung betreiben, sind gering”, sagt Christoph Grenzmann. „Umgekehrt ist der Weg jedoch offen. ”

Kirsten Wolf


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